In bester «X-Files»-Manier präsentiert Regisseur Mark Pellington eine Abwandlung der griechischen Sage von Kassandra, die zwar das Schicksal vorausahnen, es aber nicht abwenden kann. Ihre moderne Verkörperung ist Richard Gere, der sich einem übersinnlichen Todesboten zu stellen versucht.
John Klein (Richard Gere) ist das Lieblingskind des Chefredaktors der «Washington Post». Als erfolgreicher Journalist hat er es im Beruf weit gebracht, und auch die Beziehung zu seiner Frau Mary (Debra Messing) ist intakt. Klein's Welt bricht auseinander, als Mary auf leerer Strasse einen Autounfall verursacht. Bei der anschliessenden Untersuchung stellen die Ärzte fest, dass ein unheilbarer Tumor in ihrem Hirn wuchert.
Bevor sie stirbt, zeichnet Mary immer mehr düstere Skizzen einer Kreatur mit grossen Schwingen und glühenden Augen. Diese fallen John zwei Jahre später wieder ein, als er auf dem Weg zu einer Reportage in der Kleinstadt Point Pleasant strandet. Das Schicksal scheint ihn dorthin geführt zu haben, denn eigentlich lag seine Destination 1000 Meilen entfernt.
In Point Pleasant tragen sich merkwürdige Dinge zu: Unheimliche Geräusche schleichen sich in Telefonleitungen, und verschiedenste Leute berichten von Begegnungen mit einer riesigen geflügelten Erscheinung. Klein's Untersuchungen der Geschehnisse treiben seinen analytischen journalistischen Verstand an die Grenzen. Das Geisterwesen scheint von kommendem Unglück zu künden, das der Witwer mit aller Kraft verhindern will.
Regisseur Mark Pellington («Arlington Road») neigt zeitweise dazu, mit optischen Effekten zu übertreiben. Er spielt mit allerlei Filtern und Verfremdungen, welche die Atmosphäre öfters brechen statt fördern. Neben diesen visuellen Fluten vermag Pellington aber mittels Ton und Bildern auch beste Mystery-Stimmung zu erzeugen. Dass er den Mottenmann dabei nie allzu deutlich ins Bild rückt und auf eindeutige Erklärungen verzichtet, tut dem Thriller gut. Er bleibt so spannend und überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen.
«The Mothman Prophecies» basiert auf einem gleichnamigen Buch, in welchem der Autor John A. Keel Vorkommnisse zusammengetragen hat, die sich 1967 tatsächlich in Point Pleasant zugetragen haben sollen. Verschiedene Einwohner sichteten ein Wesen, das wie ein grosser Mann mit Schmetterlingsflügeln und roten Augen aussah. Die Deutungen schwankten zwischen Engel, Ausserirdischem und mutiertem Riesenvogel.
Der Film hält sich grundsätzlich an die Vorlage und versucht glücklicherweise nicht, daraus einen Monsterfilm zu stricken. «The Mothman Prophecies» konzentriert sich auf die emotionalen Traumata, welche die Begegnungen mit dem Unbekannten auslösen, und auf den Aufbau von Spannung. In diesem Gerüst liefert auch Richard Gere eine ansprechende Leistung und entfernt sich wohltuend von seinen romantischen Frauenbetörer-Rollen à la «Pretty Women». Sein John Klein ist kein Don Juan, aber auch keine Heldenfigur, die bösartige Kreaturen zur Strecke bringen muss, sondern ein innerlich zerrissener Zweifler, der gegen sein Schicksal kämpft. [Bruno Amstutz]
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