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Chiko - Filmkritik

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Land (Jahr): Deutschland (2008)
Genre:Crime, Drama
Filmlänge:92min
Regie:Özgür Yildirim
Kinostart:17.04.2008
Drehbuch:Özgür Yildirim
Kamera:Matthias Bolliger

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Mean Streets

40

Immer wieder wird die Bandbreite deutscher Produktionen gelobt. Doch wie viele Genres bedient der fiktionale Film hierzulande wirklich - abseits von Family Entertainment, Komödie und vorzugsweise in der NS-Zeit angesiedelten historischen Dramen?

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Im Fernsehen lautet die deutsche Kernkompetenz Krimi, keine Frage. Für die Leinwand reicht die klassische Whodunnit-Spielart des Krimis nicht, seine kinotauglichen Genrebrüder Thriller, Action und Milieudramen aber sind die dauervernächlässigten Stiefkinder des deutschen Films. Sie funktionieren an der Kasse nicht wird gemunkelt - Dominik Grafs «Die Sieger» oder der Thriller «Lautlos» können ein Lied davon singen.

Und vielleicht ist es so zu erklären, dass mit dem Gangsterdrama «Chiko» jetzt erstklassige Genreware auf die Leinwand kommt, die sich in der Vermarktung aber mit dem Mogeletikett «authentisch» tarnt und auch in den ersten Filmminuten auf eine falsche Fährte lockt: Regisseur Özgür Yildirim lässt den Film um den bislang eher komödienerfahrenen Denis MoschittoSüperseks», «Kebab Connection») harmlos beginnen, die Ghetto-Welt Hamburgs zeigt sich fast possierlich, wenn sich die Mutter auf Türkisch am ewigen «Alder» und «Digger» der Jungs stört, die Hure ihr goldenes Herz zeigt und man sich gegenseitig, vor allem aber der Mutter «Respekt» erweist.

Doch spätestens wenn ein Nagel durch einen Fuß schießt, man den Gefolterten schreien hört, weiß man, dass man nicht in einem Milieu-Komödchen sitzt und dass dieser Film richtig weh tun wird: Die beschwingt begonnene Gangsterballade mit derben Sprüchen und Gags wird erstaunlich konsequent in eine klassische Gewaltspirale gesteigert, deren Verlauf schnörkellos und mit viel Gespür für die Figuren verfolgt wird.

Chiko, ein cleverer türkischer Kleindealer träumt in Hamburg vom Aufstieg mitsamt weißem Mercedes und Luxusweibchen - wie weit er dafür geht, diese Frage stellt sich immer wieder, denn Chiko wird sich entscheiden müssen zwischen seinem alten Freund Tibet, der seiner kranken Mutter zuliebe versucht hat, den deutschen Großdealer Brownie zu übervorteilen und zwischen neuem Geld und neuer «Gang». Die Geschichte der Freunde Chiko und Tibet ist ein bisschen Kain und Abel, ein bisschen Scarface und ein bisschen Mean Streets - Chiko als erfolgreicher Junggangster mit dem «Klotz am Bein» Tibet, der stark an den Robert de Niro-Charakter erinnert, der immer alles verbockt. Und auch an ein deutsches Vorbild fühlt man sich erinnert, «Kurz und schmerzlos», das Langfilm-Debüt des Scorsese-Bewunderers Fatih Akin.

Das ist kein Zufall, denn Akin hat sehr früh an Yildirims Talent geglaubt, ihn an der Filmhochschule gefördert und nun diesen Film als Produzent begleitet. Und Yildirim ist hier bei allen Anleihen und Referenzen etwas sehr eigenes gelungen und etwas seltenes - ein Stück glasklare Genreware, die deutlich macht, dass Mythologie und Symbolik des Gangsterfilms grenzübergreifend funktionieren, vom schnell geschnittenen Verpacken des Stoffs zur beatgetriebenen Tonspur über die Kopfrasur als Zeichen der inneren Wandlung bis zum finalen Fluchtweg über Bahngleise in ein neues Leben.

Und es versteht sich angesichts der hohen inszenatorischen Präzision Yildirims fast von selbst, dass bei aller Genretreue auch immer etwas über die gesellschaftliche Realität dieses Landes aufgezeigt wird - hier einmal ganz ohne dem Dokumentarfilm entlehnte Mittel oder den sonst oft zu findenden Hang deutscher Filmemacher zur visuellen Sozialpädagogik. Und das ist letztlich auch eine Form von Authentizität, das Bekenntnis zum Genre, die kreative Kraft mit dessen Möglichkeiten zu spielen und so ganz nebenbei auch Stellung zu beziehen in aktuellen Debatten. Doch Migrantenproblematik hin, Jugendgewalt her - Chiko ist vor allem eines, Kino! [Kyra Scheurer]

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